Energieversorgung / Verteilnetzbetreiber (KRITIS)

Enterprise-Plattformarchitektur für ein KRITIS-Digitalisierungsprogramm

Gemeinsame Cloud-Plattform statt sechs Insellösungen: Zielarchitektur, Standards und Betriebsmodell für das Digitalisierungsprogramm eines KRITIS-Versorgers.

IT-Infrastruktur-, Architektur- & Plattformberatung mehrjähriges Programm

Teilprojekte auf gemeinsamer Plattform

6

Regulatorischer Rahmen

KRITIS, §14a EnWG-Kontext

Cloud-Basis

Microsoft Azure

Unsere Rolle

Architektur, Plattformdesign, technische Governance

Für ein Unternehmen mit kritischer Infrastruktur (KRITIS) haben wir die gemeinsame IT-Infrastruktur, technische Plattform und die Architekturprinzipien konzipiert, auf denen mehrere Digitalisierungsprojekte eines strategischen Programms aufbauen - vom Einzelprojekt zur tragfähigen Enterprise-Architektur.

Ausgangslage: Digitalisierung im Umfeld kritischer Infrastruktur

Wenn ein Unternehmen mit kritischer Infrastruktur seine Prozesse digitalisiert, entsteht nicht nur eine neue Anwendung, sondern eine ganze Landschaft neuer Systeme, Schnittstellen und Datenflüsse - unter besonders hohen regulatorischen und sicherheitstechnischen Anforderungen. Genau an diesem Punkt stand ein KRITIS-Energieversorger, der ein strategisches Digitalisierungsprogramm mit mehreren eigenständigen Teilprojekten gestartet hatte.

Drei Rahmenbedingungen prägten das Vorhaben:

  • Betriebsstabilität. Störungen wirken sich nicht nur intern aus, sondern potenziell auf die öffentliche Versorgungssicherheit.
  • Informationssicherheit. Gefordert war ein durchgängig hohes Schutzniveau über alle Systeme und Schnittstellen hinweg.
  • Nachvollziehbarkeit. Jede Entscheidung muss dokumentiert und im Nachhinein nachvollziehbar sein.

Die zentrale Frage war deshalb nicht „Welche Software brauchen wir?”, sondern „Auf welcher gemeinsamen, den KRITIS-Anforderungen genügenden IT-Infrastruktur sollen all diese Projekte über Jahre zuverlässig laufen?”

Was ohne gemeinsame Infrastruktur droht

Baut jedes Teilprojekt seine Infrastruktur einzeln auf, entstehen typischerweise dieselben Probleme:

  • Insellösungen & Redundanz. Jedes Teilprojekt baut eigene, doppelte Strukturen auf, ohne Verknüpfung untereinander.
  • Uneinheitliche Schutzniveaus. Sie treffen auf besonders hohe KRITIS-Anforderungen an Betriebsstabilität.
  • Steigender Administrations- und Betriebsaufwand. Jedes weitere Projekt wird langsamer statt schneller, bei gleichzeitig wachsenden Betriebskosten.
  • Heterogene Anforderungen der Teilprojekte. Unterschiedliche fachliche Ziele, Entwicklungsstände, Prioritäten und Releasezyklen müssen auf einer Plattform laufen, ohne deren Standardisierung zu verlieren.
  • Fehlende langfristige Erweiterbarkeit. Künftige, heute noch unbekannte Anwendungen müssen dieselbe Architektur nutzen können, ohne sie neu zu bauen.
  • Ungeklärter Plattformbetrieb. Je mehr Anwendungen auf einer Infrastruktur laufen, desto wichtiger werden klare Betriebsprozesse: Verantwortlichkeiten, Änderungsmanagement, Monitoring, Wartungsfenster, Releaseprozesse.

Branchenkontext

Diese Herausforderung betrifft nicht nur einen einzelnen Netzbetreiber. Verteilnetzbetreiber (VNB) stehen branchenweit vor der Aufgabe, ihr Niederspannungsnetz für steuerbare Verbrauchseinrichtungen wie Wärmepumpen oder Ladepunkte für E-Fahrzeuge digital anschlussfähig zu machen - unter anderem im Zusammenhang mit den Vorgaben aus §14a EnWG zu netzdienlicher Steuerung und reduzierten Netzentgelten. Wer hierfür jedes Teilprojekt isoliert plant, baut Infrastruktur, die schon beim nächsten regulatorischen oder fachlichen Anforderungssprung an ihre Grenzen stößt.

Unsere Rolle: Architektur- und Plattformpartner

JL.Digital wurde in diesem Programm nicht als klassischer Implementierungsdienstleister eingesetzt, der einzelne Anwendungen baut. Unser Schwerpunkt lag eine Ebene höher: bei der Konzeption, Strukturierung und Standardisierung der gemeinsamen IT-Infrastruktur und technischen Plattform.

Damit übernahmen wir eine Querschnittsfunktion im Gesamtprogramm, angesiedelt zwischen Technik und Organisation. Die Aufgabe bestand darin, die unterschiedlichen Anforderungen der einzelnen Teilprojekte zu einer tragfähigen Gesamtarchitektur zu konsolidieren, verbindliche technische Standards zu definieren und diese Entscheidungen so aufzubereiten, dass sie sowohl fachlich nachvollziehbar als auch technisch belastbar sind.

  • Architekturberatung - Zielarchitektur entwickeln und Handlungsoptionen bewerten.
  • Plattformdesign - gemeinsame, wiederverwendbare IT-Infrastruktur konzipieren.
  • Technische Governance - verbindliche Standards für Architektur, Betrieb, Dokumentation.
  • Stakeholder-Vermittlung - Übersetzung zwischen Fachbereichen, Betrieb, Sicherheit, Projektleitung.
  • Dokumentationskonzeption - Architektur- und Infrastrukturdokumentation von Anfang an mitdenken.

Eingesetzte Technologien

Microsoft Azure, Linux, Windows Server, Kubernetes, Podman, CI/CD, automatisierte Security Scans, Cluster-/Hochverfügbarkeitsbetrieb, Architektur-Dokumentation.

Lösung: sechs parallele Bausteine

Statt einem linearen Projektablauf zu folgen, gliederte sich unsere Arbeit in sechs parallele Bausteine, die gemeinsam das technische Fundament des Programms bilden.

1. Technische Zielarchitektur

Im Zentrum stand die Entwicklung eines gemeinsamen Zielbilds: eine Plattform, die mehrere Projekte gleichzeitig trägt, standardisierte Betriebsprozesse ermöglicht, zukünftige Erweiterungen aufnimmt und hohe Sicherheitsanforderungen erfüllt. Die Zielarchitektur beantwortet nicht jede Einzelfrage, sondern definiert die grundlegenden Prinzipien, den technologischen Rahmen und die strategischen Leitplanken. Sie gliedert sich in drei Schichten: Anwendungen, gemeinsame Plattformdienste und Cloud-Infrastruktur.

2. Gemeinsame Cloud- und Plattformbasis

Die Plattform wurde auf Microsoft Azure als gemeinsame Betriebsumgebung ausgerichtet, ergänzt um Linux- und Windows-Server-Workloads sowie zentrale Dienste wie Logging, Monitoring und Authentifizierung. Alle Anwendungen greifen auf dieselben technischen Grundlagen zurück, wodurch sich Betriebsaufwand reduziert, die Administration vereinfacht und konsistente Sicherheitsmechanismen entstehen. Zentrale Plattformdienste werden gemeinsam genutzt, statt in jedem Teilprojekt neu aufgebaut zu werden.

3. Containerisierung und Betriebsmodell

Mit Kubernetes und Podman wurde eine einheitliche Laufzeitumgebung als Basis für die Anwendungen des Programms konzipiert. Ziel waren höhere Portabilität, vereinfachte Skalierung und eine schnellere Bereitstellung neuer Services bei gleichzeitig konsistenten Betriebsprozessen über alle Teilprojekte hinweg.

4. Automatisierung und DevOps

Wiederkehrende Tätigkeiten - Bereitstellung neuer Systeme, Deployment, Konfiguration, Sicherheitsprüfungen - sollten so weit wie möglich automatisiert werden. CI/CD-Prozesse und automatisierte Security Scans erhöhen die Reproduzierbarkeit und verbessern die Nachvollziehbarkeit technischer Änderungen.

5. Sicherheit als Architekturprinzip

Im Umfeld kritischer Infrastruktur wird Informationssicherheit nicht nachträglich ergänzt, sondern von Beginn an in die IT-Infrastruktur integriert. Anforderungen zu Systemzugängen, Netzsegmentierung, Berechtigungen, Protokollierung und Schwachstellenmanagement flossen bereits in die Planungsphase ein.

6. Dokumentation und Governance

Dokumentation entsteht parallel zur IT-Infrastruktur, nicht danach. Architekturübersichten, Systemlandschaften und Governance-Vorgaben sorgen dafür, dass Entscheidungen nachvollziehbar bleiben und Wissen über die mehrjährige Programmlaufzeit erhalten bleibt.

Ergebnis

Statt sechs voneinander unabhängiger Infrastrukturen entstand ein gemeinsames technisches Fundament für das Digitalisierungsprogramm - mit einheitlichen Standards, einer wiederverwendbaren Plattform und einer dokumentierten Architektur, die über die Programmlaufzeit hinaus Bestand hat.

  • Einheitlicher Betrieb. Alle Anwendungen folgen denselben technischen Standards und Betriebsprozessen.
  • Höhere Skalierbarkeit. Neue Anwendungen und Teilprojekte lassen sich ohne grundlegende Architekturänderung integrieren.
  • Geringerer Betriebsaufwand. Wiederverwendbare Plattformdienste reduzieren redundante Administration.
  • Sicherheit zentral verankert. Einheitliche Sicherheitsmechanismen ersetzen uneinheitliche Einzellösungen.
  • Nachhaltiges Wissen. Eine mitwachsende Architektur- und Infrastrukturdokumentation sichert Nachvollziehbarkeit und Onboarding.
  • Schnellere Projekte. Neue Teams greifen auf vorhandene Standards zurück, statt bei null zu beginnen.

Fazit

IT-Infrastruktur für KRITIS-Unternehmen ist kein Selbstzweck - sie entscheidet, wie sicher und wie schnell ein Unternehmen mit kritischer Infrastruktur digitalisieren kann.

Architektur vor Technologie. Viele Dienstleister beginnen ein Projekt mit einer Technologie. Wir beginnen mit einer anderen Frage: Welche IT-Infrastruktur und Plattform benötigt der Kunde, damit zukünftige Projekte möglichst einfach entstehen können?

Standards statt Einzelentscheidungen. Das verschiebt die Beratung weg von einzelnen Servern, hin zu Skalierbarkeit, Wiederverwendbarkeit, Standards und Governance. Die konkrete IT-Infrastruktur ergibt sich daraus fast von selbst.

Relevanz für VNB- und KRITIS-Entscheider. Es geht nicht um die Frage „Linux oder Windows”, sondern darum, wie man eine tragfähige IT-Infrastruktur für ein ganzes Programm baut und Insellösungen von vornherein verhindert - bevor der nächste regulatorische Anforderungssprung ansteht, etwa durch weitere Vorgaben zur Netzdigitalisierung wie §14a EnWG.

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